ich bin interessiert daran, ob es in den verschiedenen Gemeinschaften verbindliche Vorgehensweisen gibt für Konfliktsituationen, z.B. verschiedene Stufen von Massnahmen/Interventionen, ein handlungsfähiges Konfliktteam, Kollektiverträge was auch immer …
Wenn ihr da ausgearbeitete Konzepte oder funktionierende Abläufe habt, dann würde ich mich freuen davon zu lesen.
Hallo @michael!
Spannende Frage. Um den Kontext deiner Frage besser zu verstehen, lebst du selber in einer (GEN) Gemeinschaft? Welche Konfliktsituationen hast du im Kopf?
Gruß, Simon
Ich habe keinen konkreten Anlass, außer dass ich gerade ein bisschen am zusammentragen bin, da ich immer wieder Gemeinschaften und andere soziale Gruppen in ihren Prozessen begleite und diese Frage aufkommt.
Letztlich glaube ich, dass kein Konzept und keine Struktur die Bereitschaft und das Commitment für Konfliktklärung ersetzen kann. Aber es kann helfen klare Abläufe zu haben, zu denen man in entspanntem Zustand mal Ja gesagt hatte und auf die man sich berufen kann.
Ich selber habe 22 Jahre in der ZEGG Gemeinschaft gelebt und lebe seit kurzem außerhalb. In der ZEGG Gemeinschaft gibt es keine verbindliche Konfliktklärung, und es gibt auch viele z.T. langjährige ungelöste Konflikte, die jetzt nicht so hoch gekocht sind in der Regel und doch im Alltag spürbar sind, vor allem dadurch, dass es Menschen gibt, die sich ausweichen oder nicht mehr viel miteinander zu tun haben (wollen).
Wenn es um Konflikte zwischen einzelnen Menschen geht, dann ist mein Eindruck, dass am Tempelhof gut funktioniert die jeweiligen Paten oder eine andere dritte Person mit zu Gesprächen hinzu zu ziehen. Und ich finde es auch Hilfreich, dass die Gemeinschaft eine Größe hat, dass man sich temporär etwas aus dem Weg gehen kann. Meiner Erfahrung nach scheint es auch Konstellationen zu geben, die einfach sehr konfliktiv sind und wo man sich vielleicht einfach damit abfinden muss, dass es nicht harmonisch werden wird – nicht jede:r muss mit jede:r beste Freunde werden oder besonders toll zusammen arbeiten müssen.
Grundsätzlich habe ich es als Hilfreich erlebt, dass es ein Bewusstsein für die Konflikte gibt, es werden bspw. regelmäßig offene Konflikte in Intensivzeiten gesammelt, um sie dann zu verorten. Manchmal hilft auch ein passendes Setting, wo ein einander Zuhören bewusst möglich ist. Auch andere Strukturen wie Männer-/Frauenkreise können meiner Erfahrung nach unterstützend sein.
Vermutlich ein anderes Thema sind Konflikte in Bezug vom Einhalten von Gemeinschaftsregeln. Hier gibt es ein fünfstufigen Prozess der Klärung am Tempelhof und lange Zeit einen Fünf Schritte Rat, der dies koordiniert.
Danke Simon für deine Antwort. Im Großen und Ganzen habe ich es im ZEGG auch so erlebt und ich hab eben gehört, dass einige Gemeinschaften strukturell Abläufe verankert haben, die im Konfliktfall unterstützen.
Ist dieser fünfstufige Prozess denn Konsens bei euch und wir sehen die fünf Stufen aus?
Es gibt ja die neuen Eskalationsstufen von Glasl, aber die finde ich zu allgemein gehalten für Gemeinschaften.
In meiner Wahrnehmung sind die Konsens, aber Konflikte werden nicht immer angegangen – oftmals ist es ja schmerzvoll und anstrengend. Die fünf Stufen sind kurz zusammen gefasst:
Jemand des 5SR spricht zusammen mit Beschwerdeführerin/Vertretung betroffene Person an. Intention: „Was braucht es, damit du der Vereinbarung nachkommen kannst?“
Thema wird mit allen beteiligten (inkl. Paten) im Bewohnerinnenplenum bewegt. Wieder mit der Ausrichtung, „Welche Unterstützung hilft, damit du der Vereinbarung nachkommen kannst?“
Thema geht mit oben genanntem Personenkreis ins Dorfplenum. Jede Person drückt Konsequenzen durch die Nichteinhaltung aus.
Entzug des Stimmrechts. Bei Annäherung Abbruch der Annäherung
Trennung von der Person.
Ein Ausschluss aus einer Genossenschaft ist rechtlich mit hohen Hürden verbunden, der Prozess fokussiert sich auf die soziale Ebene. Ich habe während meiner Zeit am TH in meiner Erinnerung bisher nur Stufe 1 und 2 erlebt – woraus auch schon mal eine Trennung von der Gemeinschaft entstanden ist.
Das Bewohnerinnenplenum ist alle 2 Wochen, das Dorfplenum alle 4-6 Wochen. Ins Dorfplenum kommen Anträge aus dem Bewohnerinnenplenum oder aus dem Unternehmenskreis. „Kleinere“ Themen können auch direkt im Bewohnerinnenplenum beschlossen werden. Es dient in meinen Augen damit ua. quasi als Filter für das Dorfplenum.
Ansonsten mögen vielleicht @malu oder @Ben noch ergänzen.