Hallo zusammen, dieser Golo Roden schreibt gewichtige Texte. Hier weist er auf die Tücken des Open Source-Evangelismus hin:
Das zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit Maintainerinnen und Maintainern, die an ihren Projekten zerbrechen. Die Burnout-Rate unter Open-Source-Maintainern ist erschreckend hoch. Menschen investieren Jahre ihrer Freizeit in Projekte, die von Millionen genutzt werden, und erhalten dafür bestenfalls Anerkennung, schlimmstenfalls Beschwerden über zu langsame Bugfixes. Die Community reagiert darauf mit Mitleid und dem Verweis auf Sponsoring-Modelle, die in der Praxis kaum funktionieren. Was sie nicht tut: die grundlegende Frage stellen, ob es richtig ist, dass diese Arbeit überhaupt kostenlos erwartet wird.
Denn genau das ist der blinde Fleck. Die Community verteidigt ein System, das den Wert von Arbeit nach dem Lizenzmodell bemisst, nicht nach der Qualität oder dem Nutzen. Ein Projekt ist gut, weil es Open Source ist. Nicht, weil es ein Problem besser löst als die Alternativen. Diese Umkehrung der Bewertungskriterien schadet nicht nur den Maintainern. Sie schadet der gesamten Softwarebranche, weil sie Innovation dort bremst, wo sie am dringendsten gebraucht wird: bei kleinen, spezialisierten Anbietern, die es sich nicht leisten können, ihre Arbeit zu verschenken.
Ist das die grundlegende Frage? Ist die grundlegende Frage an dieser Stelle nicht viel mehr die Systemfrage, die des Kapitalismus? Ist die grundlegende Frage nicht viel mehr weshalb Großkonzerne die Open Source-Ergebnisse zur Gewinnmaximierung nutzen ohne einen angemessenen Teil zurück zu geben?
Stimmt diese Behauptung? Ist das ein Gegensatz Lizenz vs. Qualität und Nutzen?
Ist nicht die Annahme nicht viel mehr, dass das Projekt durch das Open Source sein das Problem besser löst? Steigt nicht gerade durch die Verwendung der Open Source Lizenz die Qualität und der Nutzen?
Als Schlagwörter (alle hinlänglich bekannt):
Transparenz/Auditierbarkeit
Unabhängigkeit/digitale Souveränität
Möglichkeit der Mitgestaltung & Anpassung
…
Stimmt diese Behauptung? Entsteht Innovation wirklich durch bezahlte Arbeit bei kleinen privatwirtschaftlichen Anbietern? Oder fördert die Bezahlung und die damit einhergehende Ideologie der Gewinnmaximierung nicht viel mehr die Ausrichtung an dem Markt, an der Masse, anstatt an einer Innovation (welche nicht marktreif ist)? Ist es nicht vielmehr so, dass Grundlagenforschung und Innovation an Universitäten, durch öffentliche Fördermittel entstehen?
Und nebenbei gefragt, ist in der Softwarewelt Innovation wirklich relevant? Braucht es bspw. noch krassere KI? Oder sind nicht Beständigkeit, Qualität, Souveränität, Usability, … viel wichtigere Werte?
Und natürlich fände ich es gut, wenn FOSS-Entwickler:innen für ihre Arbeit anständig entlohnt werden würden. Ich denke, dass geht selbst im Kapitalismus. Auch ohne Änderung der Lizenz. Würde eine Änderung der Lizenz zu besserer Software führen, mit mehr Qualität, mit höherem Nutzen? Ich bezweifle es (auch aus meiner persönlichen Erfahrung)…